Blog

Warum entsteht Hass zwischen Gruppen so schnell?

Veröffentlicht 16. September 2026

Gruppenhass braucht keine echten Unterschiede zwischen Menschen. Er braucht nur eine getrennte Identität und einen Preis, um den es geht. Das zeigte ein Experiment aus den 1950er-Jahren mit elfjährigen Jungen so eindeutig, dass es bis heute zu den einflussreichsten Studien der Sozialpsychologie zählt.

Wer Muzafer Sherif war und was er beweisen wollte

Muzafer Sherif erlebte als junger Mann den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Diese Erfahrung ließ ihn nicht los. Er wollte herausfinden, ob sich Feindschaft zwischen Gruppen künstlich erzeugen lässt, allein durch Struktur, ohne echte Unterschiede zwischen den Beteiligten.

Seine These war einfach: Gib Menschen einen Grund, sich als Gruppe zu fühlen, stell sie gegen eine andere Gruppe, und Feindschaft entsteht von selbst. Getestet hat er das an elfjährigen Jungen, weil Kinder in seiner Theorie leichter zu beeinflussen sind als Erwachsene.

Der erste Versuch 1953 scheiterte komplett

1953 nahm Sherif 24 elfjährige Jungen mit in ein Sommercamp und teilte sie in zwei Gruppen. Er ließ persönliche Gegenstände stehlen, Gruppensymbole sabotieren und die Ukulele eines Jungen zerbrechen, um Wut zwischen den Gruppen zu erzeugen.

Es funktionierte nicht. Die Jungen bemerkten, dass Erwachsene im Hintergrund die Fäden zogen, und taten sich gegen die Forscher zusammen, statt sich gegenseitig zu bekämpfen. Sherif brach die Studie ab. Veröffentlicht wurde sie nie.

In seinen späteren Schriften stellte Sherif den Abbruch als methodisches Problem dar, nicht als das, was tatsächlich passiert war. Erst die Psychologin Gina Perry rekonstruierte den echten Verlauf 2018 aus Archivmaterial für ihr Buch The Lost Boys.

Wie der zweite Versuch echte Feindschaft erzeugte

Ein Jahr später änderte Sherif ein entscheidendes Detail. In Robbers Cave, Oklahoma, kamen die beiden Gruppen mit unterschiedlichen Bussen an und wussten zunächst nichts voneinander. Eine Woche lang durfte jede Gruppe getrennt eine eigene Identität aufbauen, bevor sie überhaupt vom Gegner erfuhr.

Erst danach ließ Sherif beide Gruppen in einem Turnier aufeinandertreffen, mit einem Pokal, den nur eine Seite gewinnen konnte, ohne Trostpreise für die Verlierer. Diesmal funktionierte die Manipulation vollständig.

Innerhalb weniger Tage wurde aus Konkurrenz offene Feindschaft. Die Gruppen beleidigten sich, verbrannten gegenseitig ihre Fahnen und brachen nachts in die Hütten der anderen ein. Am Ende sammelten beide Seiten heimlich Steine, für den Fall einer weiteren Eskalation.

Der Psychologe Peter Gray führte den Unterschied zu 1953 später auf die Formalisierung selbst zurück. Ohne Turnier, ohne Preise und ohne offizielle Wertung, schrieb er, wären die Spiele wahrscheinlich das geblieben, was sie für die Jungen ursprünglich waren: Spiele.

Was den Hass am Ende wieder auflöste

Gemeinsame Zeit allein verschlimmerte die Lage sogar. Gemeinsame Mahlzeiten endeten in Essensschlachten, reine Nähe reduzierte die Feindschaft nicht.

Erst ein gemeinsames Problem änderte etwas. Als die Wasserversorgung des gesamten Camps ausfiel, mussten beide Gruppen zusammen die Leitung absuchen, um den Schaden zu finden. Wenig später blieb der Lastwagen mit dem Essen an einem Hang stecken, zu schwer für eine Gruppe allein, und beide Seiten zogen gemeinsam am selben Seil, mit dem sie eine Woche zuvor noch gegeneinander Tauziehen gespielt hatten.

Die Feindschaft löste sich nicht durch ein Gespräch auf, sondern Stück für Stück, während beide Gruppen ein Problem lösten, das keine allein bewältigen konnte. Am letzten Tag bestanden die Jungen darauf, gemeinsam im selben Bus nach Hause zu fahren.

Was das Experiment über Muster verrät, die bis heute gelten

Die eigentliche Erkenntnis ist präziser als "Menschen sind von Natur aus feindselig". Feindschaft zwischen Gruppen ist herstellbar, aber sie braucht bestimmte Bedingungen: eine getrennte Identität zuerst, und einen Preis, um den es geht. Ohne diese beiden Elemente passiert nichts, das zeigte schon 1953.

Genau deshalb ist sie auch wieder auflösbar, nicht durch Nähe allein, sondern durch ein gemeinsames Problem, das größer ist als der Unterschied zwischen den Gruppen. Dasselbe Muster taucht bei einzelnen Menschen im Kleinen auf. Ein wiederkehrender Konflikt, eine feste Reaktion, ein Denkmuster, das sich verselbständigt hat. Das zu erkennen ist der erste Schritt. Etwas dagegen zu unternehmen der zweite.

Genau hier setzt mindwise an: nicht bei der großen Deutung von Gruppenkonflikten, sondern beim Erkennen deines eigenen Musters und beim Üben neuen Verhaltens, Situation für Situation.

FAQ

Wurde das Robbers-Cave-Experiment jemals wiederholt?

Der erste Versuch 1953 in Middle Grove, New York, ist die weniger bekannte Wiederholung, sie scheiterte allerdings vollständig und wurde nie veröffentlicht.

War das Experiment ethisch vertretbar?

Nach heutigen Standards nicht. Die Jungen wurden ohne echte Einwilligung ihrer Eltern gezielt psychologisch manipuliert, ein Vorgehen, das eine Ethikkommission heute nicht genehmigen würde.

Wie viele Jungen nahmen an Robbers Cave 1954 teil?

22 elfjährige Jungen, aufgeteilt in die Gruppen Rattlers und Eagles.

Was zeigt das Experiment über Konfliktlösung?

Dass gemeinsame, übergeordnete Probleme Feindschaft schneller auflösen als bloßer Kontakt oder Gespräche zwischen den Gruppen.


Wenn es dir gerade ernsthaft schlecht geht, sprich mit einem Menschen. Die Telefonseelsorge ist in Deutschland rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123.

Quellen

Sherif, M., Harvey, O. J., White, B. J., Hood, W. R., & Sherif, C. W. (1988). The Robbers Cave Experiment.

Perry, G. (2018). The Lost Boys: Inside Muzafer Sherif's Robbers Cave Experiment. Referenziert in Behavioral Scientist.

Gray, P. A New Look at the Classic Robbers Cave Experiment, Psychology Today.

Revisiting Robbers Cave: The easy spontaneity of intergroup conflict, Scientific American.

← Alle Artikel